Donnerstag, 19. Januar 2012

Im Interview: Michael Dreusicke, Gründer, CEO PAUX Technologies, Berlin

Täglich entstehen an fast allen Flecken der Erde und in den Wolken jede Menge von Informationen / liegen Myriaden von Text, Grafiken, Bilder, etc. herum und wer diese braucht, wem sie nutzen /würden) findet sie dann und dort wo er sie gerade braucht nicht [und kann damit auch den Urheber / Provider nicht entlohnen]. Tagging allein bringt es irgendwie nicht und so stellt sich die Frage, könnte ein (mehr) semantisch organisiertes Web Abhilfe schaffen (bzw. vorbereiten)?

Michael Dreusicke
(43), Gründer und Geschäftsführer von PAUX Technologies, Berlin ist davon überzeugt. Deshalb haben wir für Sie nachgefragt. Hier sind seine Antworten (per eMail):


Können Sie sich unseren Lesern kurz persönlich vorstellen?



In meinem ersten Leben habe ich Schlagzeug studiert (Jazz, Nebenfach Klavier) und danach ein Tonstudio für Werbung und Musikproduktion betrieben.

In meinem zweiten Leben habe ich Jura studiert (Schwerpunkt Steuerrecht) und kurz vor dem Ersten Examen im Jahr 2000 einen Verlag gegründet, mit dem ich eine Lernplattform entwickelte und Autoren verschiedener Disziplinen zur Verfügung stellte. Ergänzend absolvierte ich noch eine Psychotherapie-Ausbildung, in der es schwerpunktmäßig um Lösungsorientierung, Systemik und NLP ging.

Mein drittes und aktuelles Leben begann, als ich 2009 nach Berlin zog und Anfang 2010 die PAUX Technologies GmbH als Software-Produktionsfirma aus dem Verlag ausgründete. Hier geht es im Kern um Publikationstechnologie, die die wechselseitige Kommunikation zwischen Autoren und Lesern unterstützt.

Womit genau beschäftigt sich Ihr Unternehmen PAUX Technologies?

Wir entwickeln und vertreiben eine Software zur intelligenten Produktionsumgebung für Texte und Multimedia in der Cloud, also ein neuartiges Content Management System namens PAUX, das auf personalisierte Online-Publikation ausgerichtet ist.

PAUX verbessert die Qualität, Auffindbarkeit, Zitier- und Annotationsmöglichkeit ihres Texts durch geschickt verknüpfte Hintergrund-Informationen für unterschiedliche Nutzergruppen, Facebook-Anbindung mit Rückkanal bis hin zu Trainings- und Lernmöglichkeiten durch E-Learning.

Die Besonderheit besteht darin, dass sie mit PAUX eine Datenbank für ihren Content bekommen, die ihnen neue Möglichkeiten eröffnet bei der Nutzung und Vermarktung Ihres Contents. So können Content-Bestandteile zum Beispiel mit Facebook verbunden werden und durch einen Rückkanal zum Community Building zwischen Leser, Autoren und Verlag beitragen. Eine Fülle automatisch generierter Microsites ermöglicht eine umfassende Suchmaschinenoptimierung (SEO. Mit PAUX verwandeln sie ihren Content in gewisser Hinsicht in einen Content, der sich selbst vermarktet.

Sie behaupten, dass Sie das Web neu erfinden bzw. dass Anbieter von Inhalten mit Ihrer Hilfe ganz andere Möglichkeiten haben, ihren Content zu verbreiten und unter das Volk zu bringen. Wie geht das?

Manche von uns haben größere Textmengen zu bewältigen. Andere möchten die Qualität ihres Contents erhöhen und ihn z.B. semantisch anreichern. Für die Kombination beider Anliegen stellt das Web in seiner heutigen Form noch keine befriedigenden Lösungen bereit.

Glücklicherweise braucht das Web hierfür nicht neu erfunden zu werden, es reichen schon zwei Ergänzungen: Nämlich eine erweiterte Hypertext-Funktionalität durch eine typisierte sowie mehrfache Verknüpfung.

Die Grundidee von PAUX besteht zum einen darin, Datenbank-Prinzipien (wie Normalisierung, Typensicherheit, Metadaten, n-m-Verknüpfung etc.) auf Texte anzuwenden, Texte also modular zu speichern und deren semantische und didaktische Strukturen in einer Datenbank abzubilden. Zum andern wurden diese Prinzipien seit gut 10 Jahren durch neue Repräsentationsmöglichkeiten des Semantic-Web und seit ca. 5 Jahren durch RDF (Resource Description Framework) und „Linked Open Data“ ergänzt. PAUX verbindet die Prinzipien objektrelationaler Datenbanken mit denen des Semantic Web und überträgt diese auf Text.

Zum Vergleich: In Tonstudios sind alle Geräte und insbesondere die elektronischen Klangerzeuger durch ein Protokoll namens „MIDI“ (Musical Instrument Digital Interface) miteinander verbunden. Damit können sie jede einzelne Note eines ganzen Orchesters sowie deren Verlauf steuern. Wenn sie die Wörter eines Texts begreifen wie die Noten eines Musikstücks, liegt die Erschaffung eines System nah, das ähnlich wie ein Midi-System jedes einzelne Wort eines Texts genauer steuern kann. In einer Datenbank hat dann jedes Wort eine eigene ID (und mit Blick auf Linked Open Data einen eigenen URI) und kann vielfach verknüpft werden. Die höchste Informationsqualität ermöglicht ein solches Netz, wenn sie ähnlich dem Semantic Web die Verknüpfungs-Objekte selbst auch noch beschreibbar machen, so dass sie gewichtet werden können.



Zusammengefasst: Die Bedeutungsräume von Wörtern, Sätzen und Absätzen sowie der Wunsch nach flexiblen Nutzungsmöglichkeiten erfordern eine Produktionsumgebung für Texte, die über das bisherige Hypertext-Modell hinausgehen. So etwas haben wir mit PAUX gebaut. Beim Schreiben eines Texts bemerken sie den Unterschied kaum, im Hintergrund wird der Content aber dynamischer verwaltet. Diese dynamische Verwaltung ist die Voraussetzung für die meisten der Mehrwertdienste der Kunden von PAUX.

Als Autor können sie ihre Textbestandteile (Wörter, Sätze etc.) mit Hilfetexten, Bildern, Videos, Hyperlinks, Veranstaltungen und anderen Hintergrund-Informationen hinterlegen. Für ihren Leser erscheinen die Informationen dann immer an der passenden Stelle: Er kann zum Beispiel ein Wort anklicken und bekommt in einem Popup die mit dem Wort verknüpften Hilfetexte, Bilder etc. angezeigt. Als Autor können sie steuern, dass diese Hilfetexte und andere Informationen für verschiedene Nutzergruppen unterschiedlich sein sollen.

Als Autor können sie u.a. Sätze zu E-Learning-Objekten machen, mit Karteikarten unterschiedlicher Tiefe, mit Multiple Choice Tests und mit Lückentexten hinterlegen. Als Leser können sie dann die Texte nicht nur lesen, sondern auch sofort interaktiv trainieren.

Als Leser können sie einzelne Sätze bewerten und kommentieren (privat oder öffentlich). Den Satz mit ihrem Kommentar können sie bei Facebook auf ihrer Pinnwand veröffentlichen. Die Kommentare ihrer Freunde auf Facebook werden dann durch einen Rückkanal am Ausgangstext wieder angezeigt. Hier sammeln sich also Kommentare aus den sozialen Medien, der Ausgangstext wird zum Diskussions-Zentrum. Auch als Leser sie können die Content-Objekte z.B. in ihrem Blog einbetten, um einen Diskussionsverlauf mitzuverfolgen.

Als Content Anbieter (z.B. Verlag) können sie anderen Verwertern Ihren Content über eine API (Application Programming Interface) als RDF-Tripel zur Verfügung stellen. Dadurch kann ihr Content in Partner-Diensten wiederverwendet und für unterschiedliche Nutzergruppen kuratiert werden. Da in RDF das jeweilige Datenmodell bereits enthalten ist, können Content Provider bei ihren unterschiedlichen Informationsarchitekturen bleiben und sich dennoch mit anderen austauschen.



Jedes Content-Objekt erzeugt eine eigene hochwertige Microsite, die zum Verlagsprodukt zurückführt und dort den Erwerb des Verlagsproduktes ermöglicht: Ein 200-seitiges Buch erzeugt ca. 35.000 Microsites.
Da die Microsites mit RDFa ausgezeichnet sind, sind sie von Suchmaschinen gut lesbar und sorgen auch ohne manuelle Aufbereitung durch eine Agentur für eine erfolgreiche Suchmaschinenoptimierung (SEO).

Alles in allem können Content Anbieter ihren Content also mehrfach verwerten (Paid Services / Freemium) und darüber hinaus unterschiedliche Mehrwertdienste anbieten.

Sie haben verraten, dass Sie z.B. Texte bis auf Wortbasis zerhacken und das soll dann neue Verbindungen schaffen?

Das Zerlegen bis auf die Wortebene schafft selbst noch keine neuen Verbindungen, ist aber die Voraussetzung für die zusätzliche Nutzungs- und Monetarisierungsmöglichkeiten.

Sätze, Absätze, Seiten und andere Content-Bestandteile. lassen sich zudem Nutzergruppen zuordnen und können so gezielt aggregiert und ein- und ausgeblendet werden. Wir haben mit dieser Personalisierungsmöglichkeit von Ausgangscontent und Hintergrund-Informationen, dem integrierten E-Learning, der präzisen Zitier- und Annotationsmöglichkeit, der Facebook-Anbindung mit Rückkanal, der umfassenden Suchmaschinenoptimierung sowie der Integration in bestehende Content Management Systeme bereits ein paar Szenarien entwickelt, in denen diese hohe Granularität sinnvoll ist und neue Produktformen ermöglicht.

Ah, ich verstehe, und die ja umfänglich verbreiteten CMS/ECMS können das nicht. Müssen Content-Anbieter jetzt ihre CMS verschrotten und alles neu aufsetzen?

Von den verbreiteten CMS, die sie ansprechen, gibt es viele gute Systeme, die sich zum Teil sogar für technische Dokumentation und DITA eignen (Schema ST4, Noxum etc.). Hier wird schon viel über strukturierte Texte und Wiederverwendbarkeit nachgedacht und umgesetzt. Komplexere Themen wie Semantik werden in diesen Lösungen hingegen noch eher zurückhaltend behandelt, so auch E-Learning, Content-Personalisierung, Mobiler Content für iPad/iPhone und Android, Bewertung und Diskussion durch Leser, Suche nach Einzel-Informationen statt nach Seiten oder Artikeln, Nutzerdaten-Monitoring, Suchmaschinenoptimierung (SEO) und der Anschluss an soziale Netzwerke (insb. Facebook und Google+). Das sind alles Themen, die sich mit semantisch verknüpftem Microcontent der oben beschriebenen Art recht gut bedienen lassen.

Die Frage, die sich viele Plattformbetreiber und Content Provider stellen, ist daher, wie sie diese Funktionalitäten kostengünstig und flexibel integrieren können. Schließlich haben sie erheblichen Aufwand betrieben, um die CMS in ihre Infrastruktur zu implementieren (Anbindung an LDAP, Workflows, Schulung, Dokumentation etc.). Diese Investition gilt es zu schützen und zu nutzen und dieses Bedürfnis bedient PAUX: Wir haben mit unserer Technologie eine Funktionsschicht geschaffen, die sich in andere Systeme integriert, sich also hinter andere Systeme legt und diese ergänzt. Alles kann beim Kunden so bleiben, wie es ist, es kommen nur weitere Optionen für die Plattformbetreiber, Redakteure, Autoren und Leser hinzu. Zusätzlich haben wir eine eigene Autorenumgebung geschaffen, die sich im praktischen Einsatz bewährt hat. Bei Bedarf schreibt der Autor seinen Text u.a. in Microsoft Word, die Synchronisation mit dem zentralen CMS erledigt PAUX im Hintergrund.

Wie sieht das jetzt konkret aus, wie können sie Ihre Funktionalität auf Bestände anwenden und für laufende Produktionen nutzen?

In der Praxis schicken uns unsere Kunden zunächst einige Werke zur „Pauxifizierung“. So nennen wir intern den Import, bei dem Text-Content bis auf Wortebene in seine Bestandteile zerlegt, mit IDs versehen und entsprechend der Ausgangsstruktur verknüpft wird. Text besteht danach aus kleinsten Content-Objekten und bietet automatisch verschiedene der oben angesprochenen Mehrwerte. Je nach Marktrelevanz der pauxifizierten Werke nehmen wir dann weitere Aufbereitungen vor oder schulen den Kunden hierin. Nach diesem Testlauf implementieren wir unser System vor Ort beim Kunden, der dann sein Verlagsangebot selbständig importieren und aufbereiten kann. Wir und andere Agenturen stehen bei der Aufbereitung zur Seite. Alternativ zum Betrieb auf dem kundeneigenen Server bieten wir ein Managed Service (SaaS) auf unseren Servern an.

Sie haben schon verraten, dass Sie bereits einige attraktive Kunden haben. Jetzt haben Sie die Gelegenheit für etwas Name Dropping. 

Unser erstes Projekt nach der Ausgründung war vor ca. 1,5 Jahren das Handbuch der Projektförderung vom BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung). Dieses haben wir in der oben beschriebenen Weise pauxifiziert, koordiniert wurde es vom DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt). Der Marktführer der juristischen Repetitorien Hemmer vertreibt Lehrbücher, die mit PAUX erstellt wurden und stellt aktuell weitere her. Die DekaBank hat zur betrieblichen Gesundheitsförderung einen mit PAUX erstellten eGesundheitsCoach mit viel Video- und Audio-Material im Einsatz. Mit De Gruyter und dem Gabler Verlag arbeiten wir gerade an weiteren Projekten (zum Teil Content-Herstellung, zum Teil Integration in die Verlagsinfrastruktur). Zudem sind wir international mit großen Zeitungs- und Lehrbuchverlagen sowie Behörden in fortgeschrittenen Gesprächen.

Ihr Angebot hat ja das Potenzial für mehr. Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Der Einsatz von PAUX beschränkt sich nicht auf Verlagsprodukte, sondern betrifft auch das interne Informationsmanagement und Schulungen von Unternehmen und Behörden. Wir sind aktuell auf der Suche nach institutionellen oder strategischen Investoren. Denn, wie Sie so schön sagen: Unser Angebot hat Potenzial für mehr. Wir möchten jetzt unsere Entwicklungsgeschwindigkeit mit Fremdkapital steigern. Der Markt für die Produkte, die mit PAUX hergestellt bzw. verbessert werden können, ist riesig.


Kontakt

Facebook http://www.facebook.com/paux.de
WEB         http://www.paux.de/
Twitter      @Dreusicke
eMail        info@paux.de
Fon          +49-30-60955000

Disclaimer: 1. Das Interview führte Hugo E. Martin, der Datamatics im Segment Online, Publishing und Media Services berät. Es wurde ursprünglich für 'Hugo E. Martin on Media + Marketing' geführt und auch dort publiziert.

2. Datamatics Global Service GmbH und PAUX Technologies GmbH führen gerade Gespräche, wie sich die PAUX Technologie mit den Metering / Billing Lösungen von Datamatics verbinden lässt.